Von Dietrich Panke
(Herbst 1996)
Übersicht:
Die Kammerkonzertreihe, über die hier berichtet
werden soll, ist untrennbar mit dem Namen von Karl Marguerre (1906
- 1979) verbunden. Er erhielt 1947 einen Ruf als Professor für
Technische Mechanik an die Technische Hochschule in Darmstadt, übernahm
bald die Leitung des Studentenorchesters, das er dort vorfand,
und gründete 1951 den Hochschulchor. Nach wenigen Jahren wurde
er von der damaligen Fakultät für Kultur- und
Staatswissenschaften aufgefordert, für einige Zeit im Rahmen des
Studium Generale musikwissenschaftliche Vorlesungen zu halten;
aus diesen ging dann eine Vortragsreihe hervor, die in jedem
Winter einen Komponisten zum Thema hatte, dessen Biographie durch
musikalische Beispiele, dargeboten von Freunden, Familien- und
Orchestermitgliedern, illustriert wurde. Diese Veranstaltungen
fanden immer donnerstags, auf Lücke mit den Konzerten der Städtischen
Kammermusikreihe, im Hörsaal 175 des Hauptgebäudes statt.
Interessenten außerhalb der Hochschule wurden durch
Rundschreiben eingeladen, so entstanden ein fester und treuer Zuhörerkreis
und eine umfangreiche Adressenkartei.
Meine Beziehung zu Karl Marguerre war zunächst künstlerisch und
wurde schon bald familiär. Ich kam 1957 als Chemiestudent nach
Darmstadt und ging gleich mit meinem Cello ins Hochschulorchester,
wo ich mich langsam nach vorne arbeitete und bald bei Marguerres
Familienanschluß fand ("Herr Panke, können Sie nicht am
Sonntag nachmittag zum Quintettspielen kommen?"), der ältesten
Tochter Cellounterricht erteilte und die zweitälteste, Ursula Anette, 1963 heiratete.
Karl Marguerre war mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen und
Lehrbüchern ein geachteter und berühmter Wissenschaftler, aber
sein eigentlicher Lebensinhalt war die Musik. Das muß man
allerdings differenziert sehen; Romantiker wie z.B. Mendelssohn
belächelte er, Brahms haßte er, der Moderne stand er mehr oder
weniger verständnislos gegenüber ("so ein Dreck!");
sein Kommentar, als er unseren Kampf mit den Tücken eines
Klavierquartetts von Dvorák belauscht hatte: "Ihr armen
Irren!" Sein Abgott war Mozart - die Klaviertrios und die
Violinsonaten z.B. hat er bei renommierten Verlagen neu
herausgegeben - und er kokettierte damit, daß die Musik für ihn
mit Schuberts Todesjahr (1828) zuende war. Natürlich hat er
versucht, allerdings mit sehr unterschiedlichem Erfolg, seine fünf
Kinder in diesem Sinne zu beeinflussen; es wird erzählt, daß er
schon den Kleinen beim Quartettspiel (dem mit Karten, da gab es
auch eine Komponistenserie) beibrachte: Wagner, böser Mann -
Mozart, lieber Mann.
Gelegentlich gefiel es ihm, diese Haltung mit seinem streng
konservativen Weltbild zu verbinden. Während einer der
Donnerstagsveranstaltungen im Hörsaal 175, es war im
BeethovenJubiläumsjahr 1970, und das Thema der Vortragsreihe hieß
natürlich "Beethoven", zog er sich plötzlich
Handschuhe an, um dann den "Spiegel" zu ergreifen und
aus einem Artikel vorzulesen, der wenig freundlich mit Beethovens
Charakter umging. Er vermutete die Absicht des Autors und des
Spiegels, mit der Schilderung des Komponisten als "Misthaufen"
zu bewirken, daß der Leser bald auch die Kompositionen als
Misthaufen betrachten sollte. Dann war er schneller, als man
folgen konnte, bei politischen Themen und extemporierte über die
Soziale Marktwirtschaft, so daß sich Unruhe im Saal ausbreitete
und eine kleine Gruppe, angeführt von der dritten Tochter (dem
Linksaußen der Familie), laut "Beethoven" rief, um das
musikalische Fahrwasser wieder zu erreichen. Derweil schauten die
für die musikalischen Beispiele Zuständigen demonstrativ auf
die Uhr, denn sie wollten ja auch noch ihr Scherflein zum
Programm beisteuern.
Marguerre wußte musikalisch ungeheuer viel und redete so gern
darüber, daß die Musik zeitlich immer unter Druck geriet. Nun fügte
es sich, daß etwa 1970 das neu gebaute Theater fertig wurde. Der
alte Mollerbau am Herrengarten stand immer noch als traurige
Ruine da, man hatte seit Kriegsende in der Orangerie gespielt und
kleinere Theaterstücke im Vortragssaal ganz oben im Schloss
aufgeführt. Der Orangerie bemächtigte sich alsbald ein
kultureller Förderkreis, sie wurde schön hergerichtet und
kostet eine ordentliche Miete, wenn man sie für eine Aufführung
braucht. Der Saal im Schloß aber wurde frei und kostete, da das
Schloss ja die Hessische Landes- und Hochschulbibliothek
beherbergt, für eine Hochschuleinrichtung wie das Orchester und
dessen Leiter gar nichts. Deshalb sagte Anette eines Tages:
"Jetzt drehen wir die Sache herum und machen aus Vorträgen
mit Musikeinlagen in dem tristen Hörsaal nun richtige
professionelle Konzerte mit einführendem Vortrag in dem hübschen
und akustisch hervorragendem Schlosssaal!" Und so geschah es.
Am 28. Oktober 1971 sang der Kammerchor Kurpfalz im ersten "Kammerkonzert
im Schloss", bald darauf kam der große Hornist Hermann
Baumann, es wurde zweimal im Jahr ein Übersichtsprogramm an die
ständig wachsende Zuhörergemeinde verschickt, und die
Finanzierung war auch gesichert, da Marguerre in seiner großzügigen
Art die Mittel, die er für die musikalische Arbeit an der TH zur
Verfügung hatte, nach Bedarf auf Chor, Orchester und
Kammerkonzerte verteilte.
Nach seinem Tode 1979 begann natürlich bald ein Gerangel um die
Rubel, nur mein guter Kontakt zum Schatzmeister der "Gesellschaft
der Freunde der TH Darmstadt", der zufällig der Technische
Direktor der Firma war, in der ich meine Brötchen verdiene,
garantierte das Überleben der Kammerkonzerte. Auf die Dauer
konnte das aber so nicht weitergehen, und deshalb wurde schließlich
1985 ein gemeinnütziger Verein gegründet und die feste
Verbindung zur Hochschule im "beiderseitigen Einvernehmen"
beendet. Dies ermöglichte eine finanzielle Unterstützung durch
die Stadt Darmstadt, war aber doch erst einmal ein Sprung ins
kalte Wasser, bei dem die kooperative Haltung des
Bibliotheksdirektors, der ständiges Mitglied des Vereins wurde,
eine willkommene Hilfe war.
Nun haben wir die Vorgeschichte längst verlassen und sind
bereits mitten in der Entwicklung der Schlosskonzerte. Diese soll
nun weniger chronologisch als unter verschiedenen Aspekten in
mehreren kleinen Kapiteln geschildert werden.
Unser Verein, der allein schon deshalb notwendig ist, um den
städtischen Zuschuß zu bekommen und die Gemeinnützigkeit zu
gewährleisten, besteht aus der gesetzlichen Mindestzahl von
sieben Mitgliedern, außer Anette und mir sowie dem
Bibliotheksdirektor Dr. Haase sind es noch vier gute Freunde.
Anette ist der Künstlerische Leiter (sie hält den Kopf hin),
ich bin der Geschäftsführer (sitze am Computer und erledige den
Papierkram), Prof. Dr. C. M. v. Meysenbug fungiert als Schriftführer
(erinnert und mahnt mich, endlich das letzte Protokoll zu
verfassen), Wolfgang Schmieden ist der Rechner (unterschreibt
alles und sitzt immer dann an der Kasse, wenn wir beide, Anette
und ich, mitspielen), und das Ehepaar Karin und Dr. Klaus Lötzsch
füllt die Sieben auf.
Einmal im Jahr veranstalten wir in unserem Wintergarten eine
Hauptversammlung, die jedesmal nur mit Hängen und Würgen
zustande kommt, weil es offenbar unendlich schwierig ist, einen
Termin für sieben Leute zu finden. Sie muß sein, denn das
Finanzamt besteht auf den Protokollen. Sie ist aber auch keine
Pflichtübung, wir reichen Sekt und Häppchen und überlegen
gemeinsam, was wir zukünftig besser machen können. Es ist eine
gute Gelegenheit, Herrn Dr.Haase zuzusetzen, den Saal renovieren
zu lassen, denn etliche Besucher haben sich schon beschwert, daß
sie von den Stuhlfedern in den Po gezwickt wurden. Auch das Thema
Aufzug ist ein Dauerbrenner; viele ältere Freunde schaffen die
Treppen bis zum vierten Stock nur mit Mühe oder gar nicht mehr.
Auch das Heraufschaffen großer Instrumente wie Harfe, Cembalo,
Hammerklavier oder zweiter Flügel bereitet einige
Schwierigkeiten. Natürlich wird der Aufzug, unter strenger
Beachtung denkmalsschützerischer Gesichtspunkte, nicht extra für
unsere Konzertreihe gebaut werden, sondern die Bibliothek braucht
ihn sowieso. Aber es dauert!
Bei der letzten Versammlung hatten wir Herrn Prof. Dr. Franz, den
Direktor des Staatsarchivs, als Gast eingeladen. Aus dem alten
Theater ist inzwischen das schönste Staatsarchiv der Welt
geworden, der ehemalige Saal hat zwar eingezogene Betondecken und
beherbergt Akten, aber das ehemalige Foyer ist nun ein wunderschöner
(Konzert-)Saal, wenn auch mit etwas problematischer Akustik. Die
Leute sind ganz wild drauf, dort Musik zu hören, seit April 1994
haben wir etwa die Hälfte unserer Konzerte in diesem
Karolinensaal, und viele waren hoffnungslos ausverkauft. Herr
Franz bestritt einen großen Teil der Unterhaltung bei der
Versammlung, ließ sich aber leider nicht erweichen, auf eine
Saalmiete zu verzichten.
Ein anderer Dauerbrenner ist die Erweiterung der Mitgliederzahl,
von Herrn v. Meysenbug als ceterum censeo hartnäckig immer
wieder auf den Tisch gebracht. Wir können ihn nicht überzeugen,
daß eine solche Aktion mehr Arbeit macht als sie an
Mitgliedsbeiträgen einbringen kann. Nach meiner Pensionierung
will ich aber noch mal drüber nachdenken.
Da wir nun schon einmal nicht nur Veranstalter, sondern auch
selbst Musiker sind (Bratschistin bzw. Cellist), sehen wir gar
nicht ein, warum wir nicht auch in unserer eigenen Reihe spielen
sollen. Wozu macht man sich schließlich die ganze Arbeit! So können
wir entweder solistisch oder mit unseren eigenen Ensembles
auftreten und vor allem: wir können auch das Programm bestimmen.
Zum Beispiel alle sechs Streichquintette von Mozart an zwei
Abenden. Oder Beethoven-Septett und Schubert-Oktett. Oder sämtliche
Cellosonaten von Beethoven. Wir passen schon auf, daß es nicht
in ein reines Familienunternehmen ausartet, aber es hat sich
immer wieder gezeigt, daß unsere "Fans" den Saal füllen,
während so mancher tolle Klavierabend schlecht besucht war, weil
niemand den Künstler kannte.
Ebenso haben wir nicht unbedingt etwas dagegen, wenn die Musiker,
die wir engagieren, uns eventuell im Gegenzug auch einmal ein
Konzert vermitteln. Auf diese Weise sind sogar schon viele schöne
Freundschaften entstanden, wenn es auch immer einige schwarze
Schafe gibt, die ihre erst freudig gegebene Zusage ("überhaupt
kein Problem!") nachher doch nicht eingehalten haben.
Von den Berühmtheiten, die im Lauf des letzten
Vierteljahrhunderts unsere Reihe geziert haben, sollen nur
stellvertretend und ohne jede Wertung einige aufgezählt werden.
Es spielten dieSolisten Hermann Baumann (Horn), Gerhard Mantel (Cello),
August Wenzinger (Gambe), György Terebesi und Hansheinz
Schneeberger (Violine), Jutta Zoff und Therese Reichling (Harfe)
und die Ensembles Dornbusch-Quartett, Odhecaton, Loewenguth-Quartett,
Warschauer Klavierquintett, Belgisches Klaviertrio, Abegg-Trio
oder Barrelhouse-Jazzband. Dazu kommen natürlich ortsansässige
Künstler und Ensembles wie die Pianisten Carmen Piazzini,
Christian Romeo Lundström, Friederike Richter und Peter
Schmalfuss, das inzwischen sanft verschiedene Südwestdeutsche
Klavierquartett oder das Collegio col Clarinetto (um unsere
eigenen Gruppen nicht ganz zu vergessen).
Bei der Programmgestaltung wirkt immer noch die Vergangenheit
der TH-Vortragsreihen nach, in deren Tradition wir ganz bewußt
stehen. Wir stellen gern ein Konzert oder sogar eine ganze Saison
unter ein Motto oder widmen sie einem Komponisten. So gab es im
Frühjahr 1981 die "Darmstädter Schumann-Tage" mit
einer Gegenüberstellung von Schumann und Brahms in sieben
Konzerten (übrigens kein finanzieller Erfolg), einen Schubert-Winter
(1984/85), Zyklen mit den Mottos "Frühwerk - Spätwerk",
"Die Geschichte der Sonate" oder "Das Meisterwerk
und sein Vorbild", sämtliche Klaviersonaten von Beethoven (gespielt
von Peter Schmalfuss), alle Mozart-Klaviertrios (mit dem Abegg-Trio),
Französische Kammermusik. Eine vollständige Aufzählung würde
zu weit führen, es muß bei einigen Beispielen bleiben. Natürlich
können wir dieses Prinzip nicht immer konsequent durchhalten, es
gibt auch rechte "Feld-Wald-Wiesen-Programme", doch
insgesamt ist es uns schon gelungen, uns so von üblichen
Musikbetrieb abzusetzen, eine Linie zu bewahren und dem Publikum
etwas besonderes und auch ausgefallenes zu bieten. Genaugenommen
ist das auch unsere Chance, da wir nicht mit üppigen Honoraren
um uns werfen und dauernd Spitzenkünstler engagieren können.
In der Anfangszeit der Konzerte war das Musikbild Karl Marguerres
natürlich prägend. Trotzdem versuchte nach einigen Jahren
Anette, ihrem Vater klarzumachen, daß sie bei der
Programmauswahl keinesfalls im Jahr 1828 stehenbleiben wollte.
Nachdem er 1976 brummend eine Bratschensonate von Brahms
genehmigt hatte, war das Eis gebrochen, und wir konnten uns
vorsichtig zu jüngeren Komponisten vortasten. Sogar ein Konzert
mit Avantgarde-Komponistinnen hat es inzwischen gegeben; es wurde
vom Hessischen Rundfunk mitgeschnitten, das tröstete uns etwas
über den mageren Besuch hinweg. Immer wieder müssen wir
aufpassen, daß wir nicht die Klassik-Fans verlieren, ohne im
gleichen Maße neue Zuhörer anlocken zu können.
Eines haben wir aber in 25 Jahren gelernt: es ist nicht möglich,
vorherzusagen, wie gut ein Konzert besucht wird. Es gibt viele
Unwägbarkeiten, z.B. das Wetter oder Parallelveranstaltungen,
doch die Publikumsvorlieben sind auch schwer wägbar. Wir hatten
einmal ein Ensemble engagiert, das Bachs "Kunst der Fuge"
spielen wollte. Fast panikartig bin ich am Abend vorher noch
einmal in den Saal gegangen und habe sorgfältig die Stühle gezählt,
um bloß nicht mehr Karten zu verkaufen als Plätze da waren,
denn ich wußte doch: Bach, das zieht. Es kamen nur ganz Wenige.
Ein andermal wollten wir alle vier Flötenquartette von Mozart
spielen, sehr hübsche Werke, aber sicher nicht seine größten.
Mein Bruder, ein erfahrener Kammermusiker, hatte noch geunkt, wer
sich denn so etwas anhören wollte. Wir wurden überrannt, viele
Besucher standen, etwa 50 mußten nach Hause geschickt werden,
und eine Wiederholung des Konzerts einige Wochen später brachte
nochmals einen vollen Saal. Seitdem sagt Anette immer: "Man
steckt nicht drin." Und damit hat sie sicher recht. Aber man
zittert jedesmal. Man zittert als Künstler, und man zittert als
Veranstalter. Am ärgsten ist es, wenn man zufällig beides
gleichzeitig ist.
Ausgefallen ist bei nun schon fast 200 Konzerten bisher erst ein
einziges. Für einen Liederabend mußte Ersatz gefunden werden,
da der Pianist erkrankte. Wir fanden noch rechtzeitig eine
Sopranistin und einen Tenor für einen Operettenquerschnitt (warum
eigentlich nicht, wenn wir schon Jazz und Chansons hatten?) und
machten ungeheuer viel Reklame, doch die Sängerin sagte am
Vormittag des Konzerttages wegen einer Stimmbandentzündung
ebenfalls ab. Da saßen wir dann unten im kalten Treppenhaus und
schickten die nicht allzu zahlreichen (wer erwartet auch
Operetten in unserer Reihe?), aber herb enttäuschten Besucher
nachhause.
Klar ist jedenfalls: wer zu uns kommt, vor allem ins Schloss mit
den vielen Treppen, der kommt, um das Konzert zu hören und nicht,
weil er grade nichts besseres vorhat oder seine neue Garderobe
ausführen will. Daher ist unser Publikum, egal ob groß oder
klein, immer sehr gut, hellwach, interessiert und kritisch. Schon
mancher fremde Musiker, der das nicht gewußt oder unterschätzt
hatte, hat es schlagartig beim Betreten des Podiums gemerkt und
war erst einmal ein Weilchen damit beschäftigt, sein Herz wieder
aus der Hose zu holen.
Anettes Schlachtruf "jetzt drehen wir die Sache herum!"
implizierte richtig verstanden, daß das Wort nicht völlig aus
den Konzerten verbannt werden sollte. Es war auch ein
Markenzeichen der "Kammerkonzerte im Schloss", daß ihr
Vater zu Beginn (manchmal auch noch einmal nach der Pause) einen
Vortrag hielt und in die Werke und den biographischen Hintergrund
einführte. Das funktionierte hervorragend, solange er sein
Stammpublikum hatte und solange er sich kurz faßte. Beides war
nicht immer der Fall, auch passierte es immer häufiger, daß er
zu undeutlich sprach. So geschah es eines Abends, als mit Carmen
Piazzinis Mitwirkung das Erzherzog-Trio von Beethoven und
Schuberts Forellenquintett gespielt werden sollten und der Saal
brechend voll war, daß wütende Proteste ausbrachen. Einige
riefen "lauter!", weil sie nichts verstanden, einige
riefen "Musik!", weil sie gar nichts verstehen wollten
(in jedem Sinn des Wortes). Es war schrecklich, und es mußte
etwas geschehen.
Ängstlich und zögernd brachte Anette ihrem Vater bei, er möge
Vortrag und Konzert trennen und die Einführung eine Stunde
vorher für die wirklich Interessierten halten. Überraschend war
er sofort einverstanden, und das neue Verfahren bewährte sich
sofort, immer fand sich schon zum Vortrag eine große Zahl wißbegieriger
Zuhörer ein. Nach dem Tod meines Schwiegervaters sprang Viola
Mokrosch in die Bresche; auch sie weiß viel und spricht gern, da
habe ich manches mal, unauffällig in der letzten Reihe sitzend,
warnend meine Uhr hochgehalten, wenn die Unruhe im Foyer immer
bedrohlicher wurde.
Inzwischen mangelt es uns leider an Mitstreitern mit Talent, einführende
Vorträge wissens- und geistreich halten zu können, so daß
diese nur noch selten angeboten werden, doch wir ermutigen die Künstler,
vor Stücken, die es brauchen können, einige wenige einführende
Worte zu sagen. Das kommt immer gut an und schafft auch eine
besondere Atmosphäre.
Eng zusammen mit dem Konzertbesuch hängt die finanzielle
Bilanz. Als gemeinnütziger Verein dürfen wir keinen Gewinn
erwirtschaften, es würde uns sofort der Zuschuß entsprechend
gekürzt, doch da besteht gar keine Gefahr, und sollte sie doch
einmal drohen, müßten wir nur einmal die Dienste der deutschen
Städtereklame in Anspruch nehmen, und schon wäre alles wieder
fort. Die Plakate würden allerdings mehr Zuhörer bringen, dann
hätte man mehr Geld für die Honorare, könnte noch bekanntere Künstler
holen, dies würde noch mehr Leute anlocken usw. Man spricht in
solchen Fällen wohl von positiver Rückkopplung oder selbstverstärkenden
Effekten, je nach regelungstechnischer oder soziologischer
Ausbildung. In diesem Sinne schielen wir, niemand wird es uns
verargen, schon mal gelegentlich nach den Zuschüssen, die die
Konkurrenzveranstalter bekommen, und glauben, daß es nicht überall
in der Welt gerecht zugeht.
Bei den Eintrittspreisen kann man sich nicht immer vom Grundsatz
der Gewinnoptimierung leiten lassen; wir finden, sie sollten auch
familienfreundlich sein (so, wie es auch unsere Sonntagnachmittag-Termine
sind). Wahrscheinlich geben wir in Darmstadt die größte Ermäßigung
für Schüler, und Erhöhungen werden nur vorsichtig im Einklang
mit den allgemeinen Preissteigerungen vorgenommen.
Es gibt aber immer wieder Leute, auch gute Freunde darunter, die
nach einer groben Abschätzung der Zuhöhrerzahl und einer großzügigen
Multiplikation mit dem Eintrittspreis zu einem abenteuerlichen
Ergebnis kommen und uns anerkennend bescheinigen, wir hätten ja
wohl mal wieder einen "guten Schnitt" gemacht. Diese
Ignoranten! Aber sollte man sie nicht nach dem Motto "Erfolg
zieht den Erfolg an" bei ihrer Meinung lassen? In
Wirklichkeit legen wir Jahr für Jahr aus unserem privaten
Portemonnaie eine vierstellige Summe drauf. Die Einnahmen
bestehen nur aus dem Kartenerlös und dem städtischen Zuschuß,
die Kosten setzen sich neben den Gagen hauptsächlich aus den
Aufwendungen für die Werbung und die Information unserer
Besucher, den Klavierstimmer (der schöne Bösendorfer ist unser
privates Eigentum) und, Gott sei's geklagt, die GEMA zusammen,
die einem den Spaß an neuerer Musik schon gründlich vergällen
kann.
Tue Gutes und rede darüber! Woher sollen die Leute schließlich
wissen, daß du Gutes tust? Also basteln wir Zeitungsartikel,
verteilen Handzettel, versenden das Jahresprogramm an Hunderte
von Adressen, die im Computer gespeichert sind, und hängen
Plakate. Gelegentlich lassen wir die Konzertbesucher auf Zetteln
ankreuzen, was sie auf das Konzert aufmerksam gemacht hat; es ist
immer wieder nett zu sehen, wie alle dabei mitmachen, und die
Sieger sind immer die Plakate. Leider, möchte man sagen, denn
das Aushängen ist die frustrierendste Sisyphusarbeit, die man
sich denken kann. Anette zieht immer sonntags, oft bei Wind und
Wetter, los und klebt, nur um am nächsten Tag zu sehen, daß
fast alles von riesigen Ankündigungen irgendwelcher Diashows überklebt
ist. Da ist der Anständigere, der so etwas einfach nicht
fertigbringt, von vornherein unterlegen.
Man kann gar nicht genug betonen, welch segensreiche Erfindung
der Computer ist. Früher hatte ich immer die Plakate mit der
Normschriftschablone und die Handzettel mit der Schreibmaschine
geschrieben. Wie oft mußte ich kurz vor Vollendung der Arbeit
sehen, daß ich mit dem Platz nicht auskam, und von vorn beginnen!
Inzwischen war ich aber, nach der Tagesarbeit und dem Celloüben,
müde und machte Fehler; die waren praktisch nicht korrigierbar,
also wieder von vorn! Da macht es schon mehr Spaß, alles auf dem
Bildschirm zurechtzurücken, bis es stimmt! Weil es aber
inzwischen alle so machen, bleibt einem auch gar nichts anderes
mehr übrig, man muß es sogar besonders gut machen, um überhaupt
mithalten zu können, und so dauert es auch hübsch seine Zeit.
Macht nichts, nie wieder Schreibmaschine!
Als wir mit den Konzerten anfingen, gab es in Darmstadt zwei
Tageszeitungen: neben dem heute allein noch existierenden "Darmstädter
Echo" bis 1986 das "Darmstädter Tagblatt", eines
der ältesten Blätter der Welt. Natürlich machte das doppelte
Arbeit, denn beide wollten mit Information versorgt und (wegen
der Kritiken) gelesen werden. Aber es war auch immer wieder
spannend, zwei verschiedene Besprechungen ein und des selben
Konzerts miteinander vergleichen zu können. Das klappte in
unserem Fall aber erst nach einigen Jahren; mal schickte die eine
Zeitung einen Kritiker, mal die andere, selten beide und
gelegentlich gar keine. 1979 platzte uns der Kragen, wir ließen
uns von beiden Feuilleton-Chefs einen Termin geben, machten
artige Besuche und beschwerten uns bitter. Das half tatsächlich;
nicht nur wurden wir nicht mehr übergangen, sondern die
Besprechungen geben uns auch das Gefühl, ernst genommen zu
werden wie andere Konzertreihen auch. Ein wunder Punkt geblieben
sind jedoch die Vorankündigungen, immer wieder kommt es vor, daß
sie in der Hektik der Redaktionsstuben spurlos verschwinden; was
kann man da nur machen? Wir wissen ja, daß wir keinen Anspruch
auf Veröffentlichung (schon gar nicht auf vollständige!)
unserer Artikelchen haben, aber es kratzt uns doch sehr, wenn wir
wieder einmal hinterher telefonieren müssen und gleichzeitig
sehen, wie andere Konzerte sogar mehrfach angekündigt werden.
Als große Ehre und förderlich fürs Renommée betrachten wir es,
wenn die FAZ eine Kritik in der Rhein-Main-Beilage bringt.
Immerhin hat sie, bei fast 200 Konzerten, fünfzehnmal einen
Rezensenten geschickt, nach mehrjähriger Abstinenz mit nun
steigender Häufigkeit, so daß wir weiter hoffen können.
Das schönste an einem Konzert bleibt doch, wenn man sich
nachher fallen lassen und alle falschen Noten mit einem Glas Sekt
herunterspülen kann! Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß
unsere vor einigen Jahren getroffene Entscheidung, die Konzerte
sonntags um 17 Uhr beginnen zu lassen, nichts, aber auch gar
nichts mit den Nachfeiern zu tun hat (wir wollten eine
familienfreundliche Zeit anbieten), aber jedesmal freuen wir uns
nach dem Konzert, daß es noch nicht so spät ist. Grundsätzlich
gehen wir nicht in ein Restaurant, sondern feiern bei uns zuhause.
Da findet sich dann immer ein bunter, oft ähnlich, manchmal aber
auch ganz verschieden zusammengesetzter Kreis ein (manche laden
sich auch selbst ein), und einige treue Freunde bringen sogar
etwas für das leibliche Wohl mit, wie wir immer wieder staunend
und voller Dankbarkeit registrieren. Ganz zum Schluß bleibt der
"harte Kern" übrig, und dann geht es meistens zur
Sache, und es wird strenge "Manöverkritik" geübt.
Früher veranstalteten wir manchmal Konzerte als Matinéen, und
es konnte auch mal vorkommen, daß wir nachher gegenüber in den
Ratskeller gingen. Da saß ich einmal neben einem bekannten
Darmstädter Pianisten, der gerade im Schloss gespielt und
ziemlich gut verdient hatte, und sah, wie er seine Rechnung über
19,80 DM mit einem Zwanziger bezahlte und sich 20 Pfennig
herausgeben ließ. Seitdem feiere ich lieber zuhause.