Kleine Chronik der Darmstädter Schlosskonzerte

Von Dietrich Panke
(Herbst 1996)

Übersicht:

 

Die Vorgeschichte

Die Kammerkonzertreihe, über die hier berichtet werden soll, ist untrennbar mit dem Namen von Karl Marguerre (1906 - 1979) verbunden. Er erhielt 1947 einen Ruf als Professor für Technische Mechanik an die Technische Hochschule in Darmstadt, übernahm bald die Leitung des Studentenorchesters, das er dort vorfand, und gründete 1951 den Hochschulchor. Nach wenigen Jahren wurde er von der damaligen Fakultät für Kultur- und Staatswissenschaften aufgefordert, für einige Zeit im Rahmen des Studium Generale musikwissenschaftliche Vorlesungen zu halten; aus diesen ging dann eine Vortragsreihe hervor, die in jedem Winter einen Komponisten zum Thema hatte, dessen Biographie durch musikalische Beispiele, dargeboten von Freunden, Familien- und Orchestermitgliedern, illustriert wurde. Diese Veranstaltungen fanden immer donnerstags, auf Lücke mit den Konzerten der Städtischen Kammermusikreihe, im Hörsaal 175 des Hauptgebäudes statt. Interessenten außerhalb der Hochschule wurden durch Rundschreiben eingeladen, so entstanden ein fester und treuer Zuhörerkreis und eine umfangreiche Adressenkartei.
Meine Beziehung zu Karl Marguerre war zunächst künstlerisch und wurde schon bald familiär. Ich kam 1957 als Chemiestudent nach Darmstadt und ging gleich mit meinem Cello ins Hochschulorchester, wo ich mich langsam nach vorne arbeitete und bald bei Marguerres Familienanschluß fand ("Herr Panke, können Sie nicht am Sonntag nachmittag zum Quintettspielen kommen?"), der ältesten Tochter Cellounterricht erteilte und die zweitälteste, Ursula
Anette, 1963 heiratete.
Karl Marguerre war mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen und Lehrbüchern ein geachteter und berühmter Wissenschaftler, aber sein eigentlicher Lebensinhalt war die Musik. Das muß man allerdings differenziert sehen; Romantiker wie z.B. Mendelssohn belächelte er, Brahms haßte er, der Moderne stand er mehr oder weniger verständnislos gegenüber ("so ein Dreck!"); sein Kommentar, als er unseren Kampf mit den Tücken eines Klavierquartetts von Dvorák belauscht hatte: "Ihr armen Irren!" Sein Abgott war Mozart - die Klaviertrios und die Violinsonaten z.B. hat er bei renommierten Verlagen neu herausgegeben - und er kokettierte damit, daß die Musik für ihn mit Schuberts Todesjahr (1828) zuende war. Natürlich hat er versucht, allerdings mit sehr unterschiedlichem Erfolg, seine fünf Kinder in diesem Sinne zu beeinflussen; es wird erzählt, daß er schon den Kleinen beim Quartettspiel (dem mit Karten, da gab es auch eine Komponistenserie) beibrachte: Wagner, böser Mann - Mozart, lieber Mann.
Gelegentlich gefiel es ihm, diese Haltung mit seinem streng konservativen Weltbild zu verbinden. Während einer der Donnerstagsveranstaltungen im Hörsaal 175, es war im BeethovenJubiläumsjahr 1970, und das Thema der Vortragsreihe hieß natürlich "Beethoven", zog er sich plötzlich Handschuhe an, um dann den "Spiegel" zu ergreifen und aus einem Artikel vorzulesen, der wenig freundlich mit Beethovens Charakter umging. Er vermutete die Absicht des Autors und des Spiegels, mit der Schilderung des Komponisten als "Misthaufen" zu bewirken, daß der Leser bald auch die Kompositionen als Misthaufen betrachten sollte. Dann war er schneller, als man folgen konnte, bei politischen Themen und extemporierte über die Soziale Marktwirtschaft, so daß sich Unruhe im Saal ausbreitete und eine kleine Gruppe, angeführt von der dritten Tochter (dem Linksaußen der Familie), laut "Beethoven" rief, um das musikalische Fahrwasser wieder zu erreichen. Derweil schauten die für die musikalischen Beispiele Zuständigen demonstrativ auf die Uhr, denn sie wollten ja auch noch ihr Scherflein zum Programm beisteuern.
Marguerre wußte musikalisch ungeheuer viel und redete so gern darüber, daß die Musik zeitlich immer unter Druck geriet. Nun fügte es sich, daß etwa 1970 das neu gebaute Theater fertig wurde. Der alte Mollerbau am Herrengarten stand immer noch als traurige Ruine da, man hatte seit Kriegsende in der Orangerie gespielt und kleinere Theaterstücke im Vortragssaal ganz oben im Schloss aufgeführt. Der Orangerie bemächtigte sich alsbald ein kultureller Förderkreis, sie wurde schön hergerichtet und kostet eine ordentliche Miete, wenn man sie für eine Aufführung braucht. Der Saal im Schloß aber wurde frei und kostete, da das Schloss ja die Hessische Landes- und Hochschulbibliothek beherbergt, für eine Hochschuleinrichtung wie das Orchester und dessen Leiter gar nichts. Deshalb sagte Anette eines Tages: "Jetzt drehen wir die Sache herum und machen aus Vorträgen mit Musikeinlagen in dem tristen Hörsaal nun richtige professionelle Konzerte mit einführendem Vortrag in dem hübschen und akustisch hervorragendem Schlosssaal!" Und so geschah es.
Am 28. Oktober 1971 sang der Kammerchor Kurpfalz im ersten "Kammerkonzert im Schloss", bald darauf kam der große Hornist Hermann Baumann, es wurde zweimal im Jahr ein Übersichtsprogramm an die ständig wachsende Zuhörergemeinde verschickt, und die Finanzierung war auch gesichert, da Marguerre in seiner großzügigen Art die Mittel, die er für die musikalische Arbeit an der TH zur Verfügung hatte, nach Bedarf auf Chor, Orchester und Kammerkonzerte verteilte.
Nach seinem Tode 1979 begann natürlich bald ein Gerangel um die Rubel, nur mein guter Kontakt zum Schatzmeister der "Gesellschaft der Freunde der TH Darmstadt", der zufällig der Technische Direktor der Firma war, in der ich meine Brötchen verdiene, garantierte das Überleben der Kammerkonzerte. Auf die Dauer konnte das aber so nicht weitergehen, und deshalb wurde schließlich 1985 ein gemeinnütziger Verein gegründet und die feste Verbindung zur Hochschule im "beiderseitigen Einvernehmen" beendet. Dies ermöglichte eine finanzielle Unterstützung durch die Stadt Darmstadt, war aber doch erst einmal ein Sprung ins kalte Wasser, bei dem die kooperative Haltung des Bibliotheksdirektors, der ständiges Mitglied des Vereins wurde, eine willkommene Hilfe war.
Nun haben wir die Vorgeschichte längst verlassen und sind bereits mitten in der Entwicklung der Schlosskonzerte. Diese soll nun weniger chronologisch als unter verschiedenen Aspekten in mehreren kleinen Kapiteln geschildert werden.

Der Verein

Unser Verein, der allein schon deshalb notwendig ist, um den städtischen Zuschuß zu bekommen und die Gemeinnützigkeit zu gewährleisten, besteht aus der gesetzlichen Mindestzahl von sieben Mitgliedern, außer Anette und mir sowie dem Bibliotheksdirektor Dr. Haase sind es noch vier gute Freunde. Anette ist der Künstlerische Leiter (sie hält den Kopf hin), ich bin der Geschäftsführer (sitze am Computer und erledige den Papierkram), Prof. Dr. C. M. v. Meysenbug fungiert als Schriftführer (erinnert und mahnt mich, endlich das letzte Protokoll zu verfassen), Wolfgang Schmieden ist der Rechner (unterschreibt alles und sitzt immer dann an der Kasse, wenn wir beide, Anette und ich, mitspielen), und das Ehepaar Karin und Dr. Klaus Lötzsch füllt die Sieben auf.
Einmal im Jahr veranstalten wir in unserem Wintergarten eine Hauptversammlung, die jedesmal nur mit Hängen und Würgen zustande kommt, weil es offenbar unendlich schwierig ist, einen Termin für sieben Leute zu finden. Sie muß sein, denn das Finanzamt besteht auf den Protokollen. Sie ist aber auch keine Pflichtübung, wir reichen Sekt und Häppchen und überlegen gemeinsam, was wir zukünftig besser machen können. Es ist eine gute Gelegenheit, Herrn Dr.Haase zuzusetzen, den Saal renovieren zu lassen, denn etliche Besucher haben sich schon beschwert, daß sie von den Stuhlfedern in den Po gezwickt wurden. Auch das Thema Aufzug ist ein Dauerbrenner; viele ältere Freunde schaffen die Treppen bis zum vierten Stock nur mit Mühe oder gar nicht mehr. Auch das Heraufschaffen großer Instrumente wie Harfe, Cembalo, Hammerklavier oder zweiter Flügel bereitet einige Schwierigkeiten. Natürlich wird der Aufzug, unter strenger Beachtung denkmalsschützerischer Gesichtspunkte, nicht extra für unsere Konzertreihe gebaut werden, sondern die Bibliothek braucht ihn sowieso. Aber es dauert!
Bei der letzten Versammlung hatten wir Herrn Prof. Dr. Franz, den Direktor des Staatsarchivs, als Gast eingeladen. Aus dem alten Theater ist inzwischen das schönste Staatsarchiv der Welt geworden, der ehemalige Saal hat zwar eingezogene Betondecken und beherbergt Akten, aber das ehemalige Foyer ist nun ein wunderschöner (Konzert-)Saal, wenn auch mit etwas problematischer Akustik. Die Leute sind ganz wild drauf, dort Musik zu hören, seit April 1994 haben wir etwa die Hälfte unserer Konzerte in diesem Karolinensaal, und viele waren hoffnungslos ausverkauft. Herr Franz bestritt einen großen Teil der Unterhaltung bei der Versammlung, ließ sich aber leider nicht erweichen, auf eine Saalmiete zu verzichten.
Ein anderer Dauerbrenner ist die Erweiterung der Mitgliederzahl, von Herrn v. Meysenbug als ceterum censeo hartnäckig immer wieder auf den Tisch gebracht. Wir können ihn nicht überzeugen, daß eine solche Aktion mehr Arbeit macht als sie an Mitgliedsbeiträgen einbringen kann. Nach meiner Pensionierung will ich aber noch mal drüber nachdenken.

Die Künstler

Da wir nun schon einmal nicht nur Veranstalter, sondern auch selbst Musiker sind (Bratschistin bzw. Cellist), sehen wir gar nicht ein, warum wir nicht auch in unserer eigenen Reihe spielen sollen. Wozu macht man sich schließlich die ganze Arbeit! So können wir entweder solistisch oder mit unseren eigenen Ensembles auftreten und vor allem: wir können auch das Programm bestimmen. Zum Beispiel alle sechs Streichquintette von Mozart an zwei Abenden. Oder Beethoven-Septett und Schubert-Oktett. Oder sämtliche Cellosonaten von Beethoven. Wir passen schon auf, daß es nicht in ein reines Familienunternehmen ausartet, aber es hat sich immer wieder gezeigt, daß unsere "Fans" den Saal füllen, während so mancher tolle Klavierabend schlecht besucht war, weil niemand den Künstler kannte.
Ebenso haben wir nicht unbedingt etwas dagegen, wenn die Musiker, die wir engagieren, uns eventuell im Gegenzug auch einmal ein Konzert vermitteln. Auf diese Weise sind sogar schon viele schöne Freundschaften entstanden, wenn es auch immer einige schwarze Schafe gibt, die ihre erst freudig gegebene Zusage ("überhaupt kein Problem!") nachher doch nicht eingehalten haben.
Von den Berühmtheiten, die im Lauf des letzten Vierteljahrhunderts unsere Reihe geziert haben, sollen nur stellvertretend und ohne jede Wertung einige aufgezählt werden. Es spielten dieSolisten Hermann Baumann (Horn), Gerhard Mantel (Cello), August Wenzinger (Gambe), György Terebesi und Hansheinz Schneeberger (Violine), Jutta Zoff und Therese Reichling (Harfe) und die Ensembles Dornbusch-Quartett, Odhecaton, Loewenguth-Quartett, Warschauer Klavierquintett, Belgisches Klaviertrio, Abegg-Trio oder Barrelhouse-Jazzband. Dazu kommen natürlich ortsansässige Künstler und Ensembles wie die Pianisten Carmen Piazzini, Christian Romeo Lundström, Friederike Richter und Peter Schmalfuss, das inzwischen sanft verschiedene Südwestdeutsche Klavierquartett oder das Collegio col Clarinetto (um unsere eigenen Gruppen nicht ganz zu vergessen).

Die Programme

Bei der Programmgestaltung wirkt immer noch die Vergangenheit der TH-Vortragsreihen nach, in deren Tradition wir ganz bewußt stehen. Wir stellen gern ein Konzert oder sogar eine ganze Saison unter ein Motto oder widmen sie einem Komponisten. So gab es im Frühjahr 1981 die "Darmstädter Schumann-Tage" mit einer Gegenüberstellung von Schumann und Brahms in sieben Konzerten (übrigens kein finanzieller Erfolg), einen Schubert-Winter (1984/85), Zyklen mit den Mottos "Frühwerk - Spätwerk", "Die Geschichte der Sonate" oder "Das Meisterwerk und sein Vorbild", sämtliche Klaviersonaten von Beethoven (gespielt von Peter Schmalfuss), alle Mozart-Klaviertrios (mit dem Abegg-Trio), Französische Kammermusik. Eine vollständige Aufzählung würde zu weit führen, es muß bei einigen Beispielen bleiben. Natürlich können wir dieses Prinzip nicht immer konsequent durchhalten, es gibt auch rechte "Feld-Wald-Wiesen-Programme", doch insgesamt ist es uns schon gelungen, uns so von üblichen Musikbetrieb abzusetzen, eine Linie zu bewahren und dem Publikum etwas besonderes und auch ausgefallenes zu bieten. Genaugenommen ist das auch unsere Chance, da wir nicht mit üppigen Honoraren um uns werfen und dauernd Spitzenkünstler engagieren können.
In der Anfangszeit der Konzerte war das Musikbild Karl Marguerres natürlich prägend. Trotzdem versuchte nach einigen Jahren Anette, ihrem Vater klarzumachen, daß sie bei der Programmauswahl keinesfalls im Jahr 1828 stehenbleiben wollte. Nachdem er 1976 brummend eine Bratschensonate von Brahms genehmigt hatte, war das Eis gebrochen, und wir konnten uns vorsichtig zu jüngeren Komponisten vortasten. Sogar ein Konzert mit Avantgarde-Komponistinnen hat es inzwischen gegeben; es wurde vom Hessischen Rundfunk mitgeschnitten, das tröstete uns etwas über den mageren Besuch hinweg. Immer wieder müssen wir aufpassen, daß wir nicht die Klassik-Fans verlieren, ohne im gleichen Maße neue Zuhörer anlocken zu können.
Eines haben wir aber in 25 Jahren gelernt: es ist nicht möglich, vorherzusagen, wie gut ein Konzert besucht wird. Es gibt viele Unwägbarkeiten, z.B. das Wetter oder Parallelveranstaltungen, doch die Publikumsvorlieben sind auch schwer wägbar. Wir hatten einmal ein Ensemble engagiert, das Bachs "Kunst der Fuge" spielen wollte. Fast panikartig bin ich am Abend vorher noch einmal in den Saal gegangen und habe sorgfältig die Stühle gezählt, um bloß nicht mehr Karten zu verkaufen als Plätze da waren, denn ich wußte doch: Bach, das zieht. Es kamen nur ganz Wenige. Ein andermal wollten wir alle vier Flötenquartette von Mozart spielen, sehr hübsche Werke, aber sicher nicht seine größten. Mein Bruder, ein erfahrener Kammermusiker, hatte noch geunkt, wer sich denn so etwas anhören wollte. Wir wurden überrannt, viele Besucher standen, etwa 50 mußten nach Hause geschickt werden, und eine Wiederholung des Konzerts einige Wochen später brachte nochmals einen vollen Saal. Seitdem sagt Anette immer: "Man steckt nicht drin." Und damit hat sie sicher recht. Aber man zittert jedesmal. Man zittert als Künstler, und man zittert als Veranstalter. Am ärgsten ist es, wenn man zufällig beides gleichzeitig ist.
Ausgefallen ist bei nun schon fast 200 Konzerten bisher erst ein einziges. Für einen Liederabend mußte Ersatz gefunden werden, da der Pianist erkrankte. Wir fanden noch rechtzeitig eine Sopranistin und einen Tenor für einen Operettenquerschnitt (warum eigentlich nicht, wenn wir schon Jazz und Chansons hatten?) und machten ungeheuer viel Reklame, doch die Sängerin sagte am Vormittag des Konzerttages wegen einer Stimmbandentzündung ebenfalls ab. Da saßen wir dann unten im kalten Treppenhaus und schickten die nicht allzu zahlreichen (wer erwartet auch Operetten in unserer Reihe?), aber herb enttäuschten Besucher nachhause.
Klar ist jedenfalls: wer zu uns kommt, vor allem ins Schloss mit den vielen Treppen, der kommt, um das Konzert zu hören und nicht, weil er grade nichts besseres vorhat oder seine neue Garderobe ausführen will. Daher ist unser Publikum, egal ob groß oder klein, immer sehr gut, hellwach, interessiert und kritisch. Schon mancher fremde Musiker, der das nicht gewußt oder unterschätzt hatte, hat es schlagartig beim Betreten des Podiums gemerkt und war erst einmal ein Weilchen damit beschäftigt, sein Herz wieder aus der Hose zu holen.

Die Vorträge

Anettes Schlachtruf "jetzt drehen wir die Sache herum!" implizierte richtig verstanden, daß das Wort nicht völlig aus den Konzerten verbannt werden sollte. Es war auch ein Markenzeichen der "Kammerkonzerte im Schloss", daß ihr Vater zu Beginn (manchmal auch noch einmal nach der Pause) einen Vortrag hielt und in die Werke und den biographischen Hintergrund einführte. Das funktionierte hervorragend, solange er sein Stammpublikum hatte und solange er sich kurz faßte. Beides war nicht immer der Fall, auch passierte es immer häufiger, daß er zu undeutlich sprach. So geschah es eines Abends, als mit Carmen Piazzinis Mitwirkung das Erzherzog-Trio von Beethoven und Schuberts Forellenquintett gespielt werden sollten und der Saal brechend voll war, daß wütende Proteste ausbrachen. Einige riefen "lauter!", weil sie nichts verstanden, einige riefen "Musik!", weil sie gar nichts verstehen wollten (in jedem Sinn des Wortes). Es war schrecklich, und es mußte etwas geschehen.
Ängstlich und zögernd brachte Anette ihrem Vater bei, er möge Vortrag und Konzert trennen und die Einführung eine Stunde vorher für die wirklich Interessierten halten. Überraschend war er sofort einverstanden, und das neue Verfahren bewährte sich sofort, immer fand sich schon zum Vortrag eine große Zahl wißbegieriger Zuhörer ein. Nach dem Tod meines Schwiegervaters sprang Viola Mokrosch in die Bresche; auch sie weiß viel und spricht gern, da habe ich manches mal, unauffällig in der letzten Reihe sitzend, warnend meine Uhr hochgehalten, wenn die Unruhe im Foyer immer bedrohlicher wurde.
Inzwischen mangelt es uns leider an Mitstreitern mit Talent, einführende Vorträge wissens- und geistreich halten zu können, so daß diese nur noch selten angeboten werden, doch wir ermutigen die Künstler, vor Stücken, die es brauchen können, einige wenige einführende Worte zu sagen. Das kommt immer gut an und schafft auch eine besondere Atmosphäre.

Das liebe Geld

Eng zusammen mit dem Konzertbesuch hängt die finanzielle Bilanz. Als gemeinnütziger Verein dürfen wir keinen Gewinn erwirtschaften, es würde uns sofort der Zuschuß entsprechend gekürzt, doch da besteht gar keine Gefahr, und sollte sie doch einmal drohen, müßten wir nur einmal die Dienste der deutschen Städtereklame in Anspruch nehmen, und schon wäre alles wieder fort. Die Plakate würden allerdings mehr Zuhörer bringen, dann hätte man mehr Geld für die Honorare, könnte noch bekanntere Künstler holen, dies würde noch mehr Leute anlocken usw. Man spricht in solchen Fällen wohl von positiver Rückkopplung oder selbstverstärkenden Effekten, je nach regelungstechnischer oder soziologischer Ausbildung. In diesem Sinne schielen wir, niemand wird es uns verargen, schon mal gelegentlich nach den Zuschüssen, die die Konkurrenzveranstalter bekommen, und glauben, daß es nicht überall in der Welt gerecht zugeht.
Bei den Eintrittspreisen kann man sich nicht immer vom Grundsatz der Gewinnoptimierung leiten lassen; wir finden, sie sollten auch familienfreundlich sein (so, wie es auch unsere Sonntagnachmittag-Termine sind). Wahrscheinlich geben wir in Darmstadt die größte Ermäßigung für Schüler, und Erhöhungen werden nur vorsichtig im Einklang mit den allgemeinen Preissteigerungen vorgenommen.
Es gibt aber immer wieder Leute, auch gute Freunde darunter, die nach einer groben Abschätzung der Zuhöhrerzahl und einer großzügigen Multiplikation mit dem Eintrittspreis zu einem abenteuerlichen Ergebnis kommen und uns anerkennend bescheinigen, wir hätten ja wohl mal wieder einen "guten Schnitt" gemacht. Diese Ignoranten! Aber sollte man sie nicht nach dem Motto "Erfolg zieht den Erfolg an" bei ihrer Meinung lassen? In Wirklichkeit legen wir Jahr für Jahr aus unserem privaten Portemonnaie eine vierstellige Summe drauf. Die Einnahmen bestehen nur aus dem Kartenerlös und dem städtischen Zuschuß, die Kosten setzen sich neben den Gagen hauptsächlich aus den Aufwendungen für die Werbung und die Information unserer Besucher, den Klavierstimmer (der schöne Bösendorfer ist unser privates Eigentum) und, Gott sei's geklagt, die GEMA zusammen, die einem den Spaß an neuerer Musik schon gründlich vergällen kann.

Die Werbung

Tue Gutes und rede darüber! Woher sollen die Leute schließlich wissen, daß du Gutes tust? Also basteln wir Zeitungsartikel, verteilen Handzettel, versenden das Jahresprogramm an Hunderte von Adressen, die im Computer gespeichert sind, und hängen Plakate. Gelegentlich lassen wir die Konzertbesucher auf Zetteln ankreuzen, was sie auf das Konzert aufmerksam gemacht hat; es ist immer wieder nett zu sehen, wie alle dabei mitmachen, und die Sieger sind immer die Plakate. Leider, möchte man sagen, denn das Aushängen ist die frustrierendste Sisyphusarbeit, die man sich denken kann. Anette zieht immer sonntags, oft bei Wind und Wetter, los und klebt, nur um am nächsten Tag zu sehen, daß fast alles von riesigen Ankündigungen irgendwelcher Diashows überklebt ist. Da ist der Anständigere, der so etwas einfach nicht fertigbringt, von vornherein unterlegen.
Man kann gar nicht genug betonen, welch segensreiche Erfindung der Computer ist. Früher hatte ich immer die Plakate mit der Normschriftschablone und die Handzettel mit der Schreibmaschine geschrieben. Wie oft mußte ich kurz vor Vollendung der Arbeit sehen, daß ich mit dem Platz nicht auskam, und von vorn beginnen! Inzwischen war ich aber, nach der Tagesarbeit und dem Celloüben, müde und machte Fehler; die waren praktisch nicht korrigierbar, also wieder von vorn! Da macht es schon mehr Spaß, alles auf dem Bildschirm zurechtzurücken, bis es stimmt! Weil es aber inzwischen alle so machen, bleibt einem auch gar nichts anderes mehr übrig, man muß es sogar besonders gut machen, um überhaupt mithalten zu können, und so dauert es auch hübsch seine Zeit. Macht nichts, nie wieder Schreibmaschine!

Die Presse

Als wir mit den Konzerten anfingen, gab es in Darmstadt zwei Tageszeitungen: neben dem heute allein noch existierenden "Darmstädter Echo" bis 1986 das "Darmstädter Tagblatt", eines der ältesten Blätter der Welt. Natürlich machte das doppelte Arbeit, denn beide wollten mit Information versorgt und (wegen der Kritiken) gelesen werden. Aber es war auch immer wieder spannend, zwei verschiedene Besprechungen ein und des selben Konzerts miteinander vergleichen zu können. Das klappte in unserem Fall aber erst nach einigen Jahren; mal schickte die eine Zeitung einen Kritiker, mal die andere, selten beide und gelegentlich gar keine. 1979 platzte uns der Kragen, wir ließen uns von beiden Feuilleton-Chefs einen Termin geben, machten artige Besuche und beschwerten uns bitter. Das half tatsächlich; nicht nur wurden wir nicht mehr übergangen, sondern die Besprechungen geben uns auch das Gefühl, ernst genommen zu werden wie andere Konzertreihen auch. Ein wunder Punkt geblieben sind jedoch die Vorankündigungen, immer wieder kommt es vor, daß sie in der Hektik der Redaktionsstuben spurlos verschwinden; was kann man da nur machen? Wir wissen ja, daß wir keinen Anspruch auf Veröffentlichung (schon gar nicht auf vollständige!) unserer Artikelchen haben, aber es kratzt uns doch sehr, wenn wir wieder einmal hinterher telefonieren müssen und gleichzeitig sehen, wie andere Konzerte sogar mehrfach angekündigt werden.
Als große Ehre und förderlich fürs Renommée betrachten wir es, wenn die FAZ eine Kritik in der Rhein-Main-Beilage bringt. Immerhin hat sie, bei fast 200 Konzerten, fünfzehnmal einen Rezensenten geschickt, nach mehrjähriger Abstinenz mit nun steigender Häufigkeit, so daß wir weiter hoffen können.

Die Nachfeiern

Das schönste an einem Konzert bleibt doch, wenn man sich nachher fallen lassen und alle falschen Noten mit einem Glas Sekt herunterspülen kann! Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß unsere vor einigen Jahren getroffene Entscheidung, die Konzerte sonntags um 17 Uhr beginnen zu lassen, nichts, aber auch gar nichts mit den Nachfeiern zu tun hat (wir wollten eine familienfreundliche Zeit anbieten), aber jedesmal freuen wir uns nach dem Konzert, daß es noch nicht so spät ist. Grundsätzlich gehen wir nicht in ein Restaurant, sondern feiern bei uns zuhause. Da findet sich dann immer ein bunter, oft ähnlich, manchmal aber auch ganz verschieden zusammengesetzter Kreis ein (manche laden sich auch selbst ein), und einige treue Freunde bringen sogar etwas für das leibliche Wohl mit, wie wir immer wieder staunend und voller Dankbarkeit registrieren. Ganz zum Schluß bleibt der "harte Kern" übrig, und dann geht es meistens zur Sache, und es wird strenge "Manöverkritik" geübt.
Früher veranstalteten wir manchmal Konzerte als Matinéen, und es konnte auch mal vorkommen, daß wir nachher gegenüber in den Ratskeller gingen. Da saß ich einmal neben einem bekannten Darmstädter Pianisten, der gerade im Schloss gespielt und ziemlich gut verdient hatte, und sah, wie er seine Rechnung über 19,80 DM mit einem Zwanziger bezahlte und sich 20 Pfennig herausgeben ließ. Seitdem feiere ich lieber zuhause.

 

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